Mit Zeit entsteht Magie

07/19

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Mit Zeit entsteht Magie

abhyāsa vairāgyābhyām tan nirōdhah
(PYS 1.12)

Die Identifizierung mit den Schwankungen des Geistes werden durch Üben und Nicht-Anhaftung beendet.
– Jivamukti Chant Book

Wir können uns „Zeit“ als eine Person vorstellen, als große Göttin und diese „Mutter Natur“ nennen. Dann jedoch Redewendungen zu benutzen, wie „es geschieht über die Zeit“, scheint der tragenden Rolle, die Zeit spielt, nicht ausreichend gerecht zu werden. Stattdessen könnten wir eher „mit der Zeit“ sagen, als „über die Zeit“. Der Ausdruck „über“ impliziert Herrschaft – von etwas über jemanden. Als Spezies sind wir versessen darauf, Wege zu finden, um die Natur zu beherrschen und „Sie“ auszunutzen.

Im Sutra 1.2 seines Yoga Sutra definiert Patanjali Yoga, als Zustand, wenn die Identifizierung der Gedanken mit dem meinenden Selbst endet. Später im Sutra 1.12 bietet er eine 2-Schritte-Methode an, um dies zu ermöglichen und den Zustand von Yoga zu erreichen. Er sagt uns, dass wir durch abhaysa (Übung) und vairagya (Nicht-Anhaftung), in der Lage sind, uns nicht mehr mit dem meinenden Selbst zu identifizieren, sondern unseren wahren Wesenskern zu sehen. An diesem Punkt erkennen wir, wer wir hinter unseren Gedanken wirklich sind.

Demnach ist alles was wir tun müssen, Üben und Nicht-Angehaftet sein. Alles sehr gut; als Konzept. Aber wie machen wir das? Was bedeuten solche Konzepte wirklich? Abhayasa bedeutet Üben, und etwas zu Üben impliziert dass man bei einer Sache konstant dabei bleibt. Man sitzt bei etwas, und jedes Mal, wenn man darauf reagiert, wie „Warum habe ich diesen Job? Warum hört mir mein Mann nicht zu? Warum müssen wir den Schulterstand für 5 Minuten halten? oder Warum sollte ich hier sitzen und versuchen zu meditieren, ich muss noch wichtige Dinge erledigen? – nimmt man die eigene Reaktion wahr und lässt sie los. Dann nimmt man die nächste Reaktion wahr und lässt auch diese los. Und so weiter und so weiter. Man macht es so lange, wie es nötig ist.

Während meiner frühen Zwanziger, habe ich im Labor Alchemie studiert, die insofern eine Verwandtschaft mit Yoga aufweist, da es auch in der Alchemie darum geht, etwas vom Groben zum Feinen umzuwandeln. Demnach war mein erster, echter, spiritueller Lehrer, Alchemist. Wenn ich „echter spiritueller Lehrer“ sage, meine ich, dass er mich bewusst lehrte und mir Übungen gab, die mir halfen, die spirituellen Prinzipien zu verstehen, die jeder Existenz zu Grunde liegen.

Mit „Alchemie“ meine ich die alte Praxis, das Gewöhnliche in das Außergewöhnliche zu verwandeln. Er war von Beruf Photograph und sein Chemie-Wissen, war nicht nur praktischer, sondern auch metaphysischer Natur. Ursprünglich suchte ich ihn auf, weil ich das Grundprinzip physischer Materie verstehen wollte: Was bewirkt, dass Form sich formt?

Nach seiner Anleitung studierte ich die Grundbausteine, die Materie ausmachen – die zwölf Zell-Salze. Diese Salze, haben eine kristalline Form und bilden tatsächlich mathematische oder geometrische Raster aus, die feine Vibrationen anziehen und sie strukturieren, in etwas, was eventuell eine feste Form wird. Ich habe außerdem gelernt, wie man Kristalle in Reagenzgläsern unter Laborbedingungen züchtet und assistierte ihm, bei klassischen alchemistischen Langzeitprojekten, die Elementareigenschaften von Mineralen behandelt haben, besonders für Quecksilber und Gold. Er lehrte mich den Wert der Meditation zu schätzen und wie man genauer auf gewöhnliche Dinge schaut, um deren Essenz zu entdecken, was auch das Untersuchen von Wörtern und die Bedeutung ihrer etymologischen Wurzeln beinhaltet. In unseren Unterricht ließ er praktische Wissenschaft mit einfließen, gab uns was er versprach, eine experimentelle Verbindung zur Wahrheit.

Abhyasa – regelmäßige, fortwährende Praxis, ausgeführt mit Nicht-Anhaftung, wird, egal wie, unserem Geist helfen zur Ruhe zu kommen und zu innerem Frieden führen. Die Auswirkung wird sein, dass „mit“ der Zeit eine Anzahl an Hindernissen auf dem Weg zu Freiheit beiseite fallen. Die Yoga Praxis – genauso wie die Alchemie – sind magische Praktiken, die die Wahrnehmung der Welt verändern, die eigene und die der Zeit. Diese veränderte Wahrnehmung, hilft uns in Einklang mit der Natur zu leben, anstatt uns von der Natur getrennt zu erleben. Die Entwicklung einer harmonischen Ko-Existenz, sofern sie einmal etabliert ist, kann zur Erleuchtung führen – die Transformation des Individuums in etwas ganzheitlicheres – jemanden, der sich selbst eher als Teil des Großen ganzen wahrnimmt, als sein Ich-bezogenes von Haut-abgekapseltes Ego. Das Leben in Einklang mit der Natur, kann freudvoll sein; es muss nicht notwendigerweise ein Leben in Askese sein, was ein zu allgemeines Bild eines verzichtenden Yogis ist – der Eremit in der Höhle. Leben in Einklang mit der Natur kann freudvoll, sinnlich und schmackhaft sein.

Der Körper eines erleuchteten Yogis beherbergt das Licht der Wahrheit. Der Yogi als Alchemist arbeitet mit der Natur, um die eigene Transformation von Ignoranz zur Erleuchtung zu beeinflussen. Das braucht Zeit. Tatsächlich wäre ohne sie, keine Transformation möglich. Ohne in dieses Leben geboren worden zu sein – ohne die verkörperte, physische Erfahrung – wäre das Auflösen von Karma (vergangene Handlungen, Beziehungen mit anderen) sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Es gibt ein altes alchemistisches Prinzip, welches sagt: „Through repetition magic is forced to arise“. Ich mag dieses Prinzip, weil es Wiederholung gleichsetzt mit Magie, welche nur mit Hilfe der Zeit erscheint; der notwendigen Hauptzutat, dass Magie überhaupt erst geschehen kann.
Original im Englischen: Sharon Gannon

Übersetzung ins Deutsche: Yvi Deim