Alles was ich Weihnachten möchte, sind meine zwei Vorderzähne

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Alles was ich Weihnachten möchte, sind meine zwei Vorderzähne

yā kundendu-tuṣāra-hāra-dhavalā yā śubhra-vastrā vṛtā
yā vīṇā-vara-daṇḍa-maṇḍita-karā yā śveta-padmāsanā
yā brahmācyuta-śaṃkara-prabhṛtibhir devaiḥ sadā vanditā
sā māṁ pātu Sarasvatī Bhagavatī niḥśesa-jāḍyāpahā
– Sarasvati Vandana

Möge die Göttin Sarasvati – welche eine Girlande, weiß wie Jasminblüten oder wie der Mond oder wie der Schnee trägt, welche mit weißen Kleidern geschmückt ist, deren Hände die Vina spielen und die Gesten des Segens spenden, welche auf einem weißen Lotus sitzt, welche für immer von Brahma, Vishnu und Shiva wie auch von allen anderen Göttern verehrt wird, welche die Trägheit des Geistes beseitigt – mich beschützen und mich für die Erkenntnis über das Selbst aufnahmebereit machen.
– aus der Sarasvati Vandana

Es ist Weihnachten AD 2200. Das Polar Eis ist vor langer Zeit geschmolzen. Vor 200 Jahren waren alle gezwungen sich von den Ozeanen zurückzuziehen. Alle Tierarten sind verschwunden. Wir steigen in unsere Geschichte in der Umgebung von New York am frühen Morgen nach ca. 30 cm hohem Schneefall ein…

Der Schnee bedeckte den Boden, die Bäume und die Hütten. Er war rein und sauber und fiel kontinuierlich seit letzter Nacht. Ich griff nach unten, nahm eine handvoll und hielt sie an meine blutenden Lippen und mein Zahnfleisch. Bevor ich auf dem Eis ausrutschte und stürzte strahlte mein Lächeln stark und mit jugendlicher Beständigkeit. Jetzt, da ich die Vorderzähne verloren habe, strahlt mein großer dunkler Mund Alter und Schwachsinn aus. Es ist in Ordnung, es gibt nicht mehr viele Gründe zu Lächeln und es gibt viele Gründe meinen Mund zu halten. Dass ich gefallen bin, war meine eigene Schuld. Ich habe nur für eine Sekunde nicht aufgepasst. Hier auf dem Scheitelpunkt des 24igsten Jahrhunderts scheint alles auseinanderzufallen, weil wir aufgehört haben achtsam zu sein. Ich summte mir das alte Kinderlied vor: „ Alles was ich Weihnachten möchte sind meine zwei Vorderzähne, meine zwei Vorderzähne“. Die Zahnärzte, die wir jetzt noch haben, ziehen nur Zähne. Deshalb ist St. Nikolaus meine einzige Hoffnung.

Alle alten großen Städte wurden überflutet und verkommen jetzt. Viele der hohen Gebäude in Manhattan sind in sich zusammengefallen in den überschwemmten Straßen. Es ist nichts Lebendiges mehr übriggeblieben in den Meeren. Seit Jahrhunderten sind sie entleert und überdeckt mit schwimmendem Plastikmüll. Nichts, außer Plastik, hält mehr sehr lange, keine Hochhäuser und keine Zähne.

Alle alten Menschen starben schnell an der Hitze. Die andere Hälfte starb aufgrund von Krankheitserregern in dem letzten bisschen verbleibenden Wasser. Als erstes verschwanden die Tiere. Wilde Tiere, Bauernhoftiere, Hunde, Katzen, Vögel und Ratten, alle wurden zu Nahrung verarbeitet und schnell von Menschen konsumiert, die aus der überschwemmten städtischen Umgebung geflohen sind. Die Menschen wussten wirklich nicht wie sie ohne Markt oder Tierkadaver überleben sollten. Folglich begannen Menschen sich gegenseitig zu essen. Das Leben geriet für einige Zeit aus den Fugen und war nichts mehr wert. Als sie sich gegenseitig aßen, starben die Menschen an schrecklichen Krankheiten. Sie wurden verrückt.

Das ist aber schon eine längere Zeit her und die Dinge haben sich verbessert. Es gibt neue Stämme und eine Tauschwirtschaft. Menschen arbeiten hart, um kleine Überbleibsel der alten Tage zu reinigen, um diese zu tauschen – ein Stück Stoff oder Kabel für eine Handvoll Bohnen oder einen Apfel. Bauern pflanzen einfaches Essen und müssen Tag und Nacht ihre Felder bewachen, um sie vor Diebstahl zu sichern. Sie freuen sich, einen Armvoll Kartoffeln für eine alte Schaufel oder Hake tauschen zu können. Irgendwann wurde das alte Wissen und die Fähigkeit eine Mahlzeit im Wald zu finden wieder aufgegriffen und ist jetzt Allgemeinwissen. Die Leute machen Brühe aus Wurzeln, Pilzen, Moos und Barke und Salat aus wilden Blättern. Man sagt, dass die Leute in früheren Zeiten dick waren. Jetzt ist niemand mehr dick.

Der Winter kam vor 20 oder 30 Jahren zurück. Er ist nur einen Monat lang, aber er kommt zweimal im Jahr. In unserer Tradition werden die Künste während der dunklen und kalten Tage praktiziert. Wir machen Musik und Tanzen zusammen, es werden Reden gehalten und Gedichte über alle möglichen Themen rezitiert. Mein Lieblingsthema ist Geschichte. Während der sintflutartigen Sommerregenstürme und der starken Sonnenstrahlung wachsen Dinge schnell und dicht. Das macht das Leben leichter. Es wird gesagt, dass das CO2 Level in der Atmosphäre förderlich für das Wachstum der Dinge ist. Manchmal denke ich darüber nach, wie es auf anderen Teilen der Erde seit den späten 2000ern ist, aber etwas sagt mir, dass ich dankbar sein soll, für das Leben, das ich habe, und ich bete, dass ich mein wahres Selbst in diesem jetzigen Leben finden kann.

Die Atmosphäre ändert sich. Das Klima ändert sich. Veränderung ist die Natur des Lebens.

Veränderungen zu bekämpfen ist keine Alternative. Menschen werden geboren, werden alt und sterben. Planeten werden auch geboren, werden alt und sterben. Sogar Götter werden geboren, werden alt und sterben. Wenn wir akzeptieren, dass Tod und Wandel das Lebens bestimmen, dann können wir die flüchtigen Momente während eines jeden Tages schätzen und die Veränderungen in ein kunstvolles positives Ergebnis umwandeln. Wir sollten danach streben, das Wesen der Selbsterkenntnis zu entdecken, die Kraft des kosmischen Selbst, die weder Geburt noch Tod unterliegt.

Sarasvati ist die Göttin die uns zum Wesen der Selbsterkenntnis führen kann. Sara bedeutet „Essenz“ und Sva bedeutet „ein Selbst“. Sarasvati ist die „Essenz eines Selbst“ oder „diejenige, die zum Wesen der Selbsterkenntnis führt „. Im Rg Veda erscheint sie sowohl als heiliger Fluss als auch als Göttin. Sie verkörpert Wissen, Kunst, Musik, Muse, Sprache und Tugendhaftigkeit. Ihre Namen bedeuten „Kraft von Brahma“, „Göttin der Wissenschaften“, Geschichte, Musik/ Lied, Sprache und sie ist „diejenige, die auf der Zunge der Dichter wohnt“. Sie verkörpert Aktivität und ihr Gefährt ist Hamsa, der reisende weiße Schwan.

Sich dem Streben nach Selbsterkenntnis zu verschreiben, kann als künstlerisches Leben beschrieben werden. Damit Kunst bedeutsam ist, das heißt relevant, universal und dauerhaft, muss sie das Medium, den Moment und den Künstler überschreiten, um denjenigen, der sie wahrnimmt, anzusprechen.

Kunst, die ihre Energie in der Gosse des Egos und der Dummheit verschwendet, lebt nicht länger als das Verfallsdatum auf einer einfallslosen Verpackung. Saravati bringt durch ihren Perfektionsdrang den Künsten Unsterblichkeit, indem sie den Erschaffungsmoment überkommt, um zukünftige Horizonte zu eröffnen.

Der Klimawandel ist ein Fakt. Wo er hinführt wird sich noch zeigen, doch er führt uns zu einer ungewissen Zukunft. Die Zukunft war schon immer ungewiss. Wenn wir jetzt ein Leben ohne Künste führen, nehmen wir in Kauf die zugrunde liegenden Werte von Richtig und Falsch nicht zu bedenken, die aus jeder möglichen Zukunft ein sich lohnendes Abenteuer formen können. Künstlerisches Leben ist die Möglichkeit den Klimawandel auf einen besseren Weg zu führen. Wir können die stetige Zerstörung der Kala (Zeit) nicht zurückdrehen, aber wir können heute eine zeitlose Geschichte erschaffen. Kunstvolles Leben ist in sich, ökologisch, vegan, von Weisheit erfüllt, vielfältig, meditativ, gebetsvoll, unabhängig, mehrsprachig, weltzentriert, kosmisch, hingebungsvoll, futuristisch und geschichtsbezogen, lebensbejahend und voller Göttlichkeit.
Original im Englischen: David Life
(Co – Founder der Jivamukti Yoga Methode)
Übersetzung ins Deutsche: Susann Rezniczek