Über Leere hinaus

02/17

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Über Leere hinaus

gate gate paragate parasamgate bodhi swaha


Jenseits, jenseits, wirklich jenseits, jenseits auch vom Jenseits. Die Weisheit bleibt, wenn alles andere abfällt.
Prajñaparamita (Das Herz Sutra)

Die Prajñaparamita gibt uns eine solide Grundlage um Frieden mit uns zu schließen, um die Angst vor Geburt und Sterben zu überwinden, der Dualität von diesem und jenem. Im Licht der Leere ist alles gleichzeitig auch alles andere; wir sind dazwischen, jeder und jede ist verantwortlich für alles, das im Leben geschieht. Wenn du in dir Frieden und Glück herstellst, beginnst du Frieden für die ganze Welt herzustellen. Mit dem Lächeln, das aus dir kommt, mit dem gleichmäßigen Atem, den du erzeugst, beginnst du am Frieden in der Welt zu arbeiten. aus „Heart of Understanding“ (Herz des Verstehens) von Thich Nhat Hanh

Das Herz Sutra (Prajñaparamita) ist eine sehr bekannte und wichtige Lehre im Mahayana Buddhismus, welches uns vom bodhisattva (bodhi heißt „erwacht“ und sattva „Wesen“) Avalokitesvara geschenkt wurde. Das buddhistische Mantra bestärkt uns darin, die Beschaffenheit von Leere zu erforschen. Zu Beginn ist es ein weit verbreiteter Fehler, Leere als etwas zu interpretieren, das keinerlei Bedeutung hat. Indische Philosophien stellen Glauben auf ein Spektrum zwischen āstika (da ist, da existiert) und nāstika (da existiert nicht). Jedoch kommt nach eingehender Beschäftigung eine differenziertere Sichtweise zum Vorschein, die auf eine miteinander verbundene Weite hinweist: die gänzliche Abwesenheit von Dualitäten und Gegensätzen. Diese Idee der Nicht-Dualitäten mag der Vorstellung von Einssein in der Advaita Vedanta ähnlich erscheinen, aber eigentlich reduziert sie diese noch weiter auf ein Null-Sein, über Einzigartigkeit hinaus.

Der vietnamesische Zen-Buddhismus Meister Thich Nhat Hang beschreibt die Vorstellung von shunyata (Leere) als „leer von einem vereinzelten Selbst, aber erfüllt von allem im Kosmos“. In dieser Einfachheit, könnte ein*e neue*r Schüler*in annehmen, dass er oder sie das verstanden hat. Doch Nhat Hanh empfiehlt eine bewusste „Intimität“ oder einen meditativen Ansatz, um die Bedeutung tatsächlich zu begreifen. Um alle Dinge vollständig zu durchdringen, muss man sie gründlich bis auf die zelluläre Ebene studieren. Jenseits jenseits kratzt nur an der Oberfläche des Wissens über die wahre Beschaffenheit aller Dinge, indem wir denken, wir hätten es begriffen. Aber das Sutra geht noch tiefer – über jenseits hinaus, geht es tiefer in das Verstehen. Zum Beispiel könnten wir beginnen uns vorzustellen, wie die Mahlzeit vor uns zustande gekommen ist. Statt zu glauben, dass die Mahlzeit als eine isolierte Erscheinung auf den Tisch gekommen ist, könnten wir folgende Fragen durchdenken: Welches sind all die Faktoren, die für diese Mahlzeit zusammenkommen mussten? Welches sind ihre Zutaten? War das Leiden von fühlenden Lebewesen dafür nötig? Sind wir uns bewusst, wie wir durch unseren individuellen Konsum zu diesem Leiden beitragen und es verstärken? Diesen Prozess tief und ehrlich zu verstehen, bedeutet, die Koexistenz und die miteinander verbundene Beschaffenheit aller Dinge zu erkennen, ohne dabei wegzuschauen oder eine nur oberflächliche Perspektive einzunehmen.

Nach vielen Jahren des Übens von Yogaāsana, mögen wir glauben, dass wir den Einsatz von mula bandha verstanden haben, nur um dann zu erkennen, dass es nicht das ist, was wir glaubten. Was als eine grobe physische Anspannung des Beckens beginnt, wird irgendwann sehr viel subtiler und feiner. Indem wir größere Achtsamkeit erlernen, wird es immer weniger mühselig im Vergleich zu den ersten Erfahrungen mit übertriebenen Anspannungen oder erzwungener Anstrengung. Das gleiche kann für die Prinzipien der Ausrichtung gelten, den Ujjayi Atem oder das philosophischen Denken, dem wir uns zugehörig fühlen. Je länger wir studieren, desto mehr werden wir feststellen, dass Dinge, die wir vermeintlich in ihrer Ganzheit begriffen haben, eigentlich über unser Verstehen hinausgehen.

Hier steht im Zentrum ein Erwachen zu der Realität, dass unsere Leben sich überschneiden und dass das Leiden von einem Lebewesen untrennbar ist von dem der anderen. Wir sehen unausweichlich klarer, wie der Konsum von Milchprodukten und Eiern unbestreitbar und grundlegend das Leben einer Kuh oder eines Huhns beeinflusst. Das Herz Sutra erinnert uns daran, dass wir verantwortlich sind. Wir müssen über die Schichten des Wissens schauen, an das wir so lange geglaubt haben – um sogar über das Jenseits hinauszugehen.

Wir können dies als tägliche Inspiration nutzen, um uns selbst den Boden unter den Füßen zu entziehen und alle Dinge zu hinterfragen. Wir machen oft den Fehler zu glauben, dass wir so viel wissen, aber eigentlich wissen wir sehr wenig im tieferen Sinne. Vollendete Weisheit wird bleiben, wenn alles andere abfällt.
Original im Englischen: Essay von Cat-Alip Douglas
Übersetzung ins Deutsche: Janna Aljets
Peace Yoga Berlin – Jivamukti Yoga School