Pratyahara-Worauf wir unsere Energien lenken

 

06/17

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Pratyahara – Worauf wir unsere Energien lenken

Yama-niyama-āsana-prāṇāyāma-pratyāhāra-dhāraṇā-dhyāna-samādhayo’ṣṭāvaṅgāni

Einschränkung, Beschränkung, Sitz, Atemkontrolle, Zurückziehen der Sinne, Konzentration, Meditation und Ekstase sind die 8 Glieder des Yoga.

Die Praxis des pratyahara, einem der acht Glieder des Ashtanga Yoga, ziehen wir unsere Sinnen nach Innen, um Aufmerksamkeit auf die innere Welt zu lenken, anstatt sich unsere Energien ausschließlich nach Außen ausbreiten zu lassen. Was wir in der äußeren Welt wahrnehmen ist nur ein kleiner Teil unseres Bewusstseins. Pratyahara schlägt eine Brücke zwischen den äußeren (den grobstofflichen) Praktiken yama, niyama, asana und pranayama zu den inneren ( den feinstofflichen) dharana, dhyana und samadhi. Energien, die wir nicht nutzen, um sie nach außen zu richten, um unserem Drang dort Informationen zu sammeln und zu handeln, könnten wir stattdessen auf die Erkenntnis wer wir wirklich sind lenken, nämlich reines Bewusstsein. Worauf richten wir unsere Energien meistens? Wir richten unsere kostbare Aufmerksamkeit auf die äußere Welt, durch die Identifikation mit Sinneseindrücken und einer konditionierten Persönlichkeit. Nehmen wir als Beispiel unser Selbstbild, also wie wir uns nach außen hin präsentieren wollen. Wie sehe ich aus? Wie sehen mich andere? Wie würde ich gerne wahrgenommen werden? Solche Fragen verbrauchen täglich viel Energie. Die Praxis pratyahara bedeutet nicht, dass wir uns nicht um unser Äußeres kümmern sollten und wir Schönheit nicht mit in unser Leben integrieren können. Es bedeutet sich gewahr zu sein, wie viel Aufmerksamkeit wir unserem äußeren Bild schenken und weniger Energie in die Entstehung des selben verschwenden. Diesbezüglich ist Satsang eine bedeutende und hilfreiche Yogapraxis: Von Menschen umgeben zu sein, die sich für Yoga und Selbsterkenntnis interessieren und nicht an einem genauestens erstellten Selbstbild zu hängen, wird uns unterstützen uns von irreführenden Identifikationen zu befreien.

Um unseren Fokus nach Innen zu lenken, sollten wir äußere Ablenkungen so gut wie möglich reduzieren. Womit füttern wir unseren Geist? Informationen aus den Nachrichten, dem Fernseher, E-Mails, Social Media, Magazinen und Werbung triggern unsere Emotionen uns sagen uns was wir als nächstes brauchen. Was ist unsere Strategie, mit all diesen Infos umzugehen? Manche wenden sich Alkohol, Drogen oder Lästerei zu, mach andere reden und denken immer mehr, um all diesen Input zu verdauen. Leider macht dies alles nur noch schlimmer. Wir sollten stattdessen versuchen unseren Geist zu beruhigen! Wir müssen in der Lage sein zu verdauen was mit uns geschieht und alles was wir sagen, denken und tun. Wähle das, dass dir weniger Neues bringt mit dem du dich auseinandersetzen müsstest. Als Übung könntest du z.B. aufschreiben, was dich während der Asanapraxis oder der Meditation abgelenkt hat. Was hat es dir erschwert dich zu konzentrieren? Es in Worte zu fassen, wird dir klar werde lassen womit du dich beschäftigst, während du dich eigentlich mit etwas größerem, als deinen täglichen Ablenkungen beschäftigen wolltest. Nach und nach wirst du erkennen was dir wirklich wichtig ist und welche Art der Sinneseindrücke du gerne verringern würdest.

Um zu verstehen was während des Vorgangs von pratyahara passiert, half mir die Samkhya-Philosophie. Hier finden wir eine genaue Beschreibung wie ein Mensch funktioniert, was einen Einfluss auf unser Verhalten hat und wie wir die Welt wahrnehmen. Wir alle kennen unsere fünf Sinne. Im Sanskrit werden diese als buddhendriyas bezeichnet. Außerdem gibt es noch die karmendriyas , die Sinne des Handelns (sprechen, greifen, bewegen, ausscheiden und sich fortpflanzen). Diese sind meist immer unmittelbare, unbewusste, automatische, spontane und erlernte Reaktionen auf bestimmte Sinneseindrücke. Ich sehe etwas, das ich mag, z.B. einen Brownie. Für andere ist es eine Zigarette, ein Steak, eine sexy Person oder ein neues Paar Schuhe. Ich sehe den Brownie, ich will den Brownie haben und meine Hand nimmt den Brownie. Um zu verstehen warum wir handeln wie wir handeln, sollten wir die Verbindung zwischen Sinneswahr-nehmung, Geist und Handlung genauer betrachten. Dann bekommen wir die Chance etwas zu verändern. Sich bewusst zu sein, warum wir etwas tun, macht es leichter sich davon zu lösen und lässt unser Leben ruhiger werden. Bewusstes Handeln verringert Ablenkungen und steigert die Konzentrationsfähigkeit. Nach innen gekehrt entdecken wir die drei Anteile unserer mentalen Aktivität. Die vorherrschenden Teile sind der denkende, unser Geist (manas) und der der Teil, der eine Meinung hat, unser Ego (ahamkara). Der ausschließlich beobachtende Teil (buddhi) ist meist etwas versteckt, aber doch immer da.

Mit etwas Übung können wir lernen Einzugreifen und unsere spontanen Handlungen zu unterbrechen. Wir haben dann Zeit zu reflektieren und bewusster zu handeln. Brauche ich den Brownie? Bin ich hungrig? Brauche ich mehr Süßigkeiten? Was habe ich den ganzen Tag lang gegessen? Woraus besteht der Brownie? Was sind die Folgen für mich und andere? Wird meine Handlung zu mehr Leid für andere führen? Was sind meine eigenen ethischen und moralischen Überzeugungen? Wir würde ich gerne handeln, anstatt nur zur reagieren?

Dir diese Fragen zu beantworten wird zu neuen Verhaltensweisen führen, die auf freiwilligen Entscheidungen basieren und an denen das Ego weniger beteiligt ist. Selbstloses und gewaltfreies Verhalten verringert die Dominanz des Egos und bringt mehr Friedfertigkeit in die Welt und in den Geist.

Ein praktischer Aspekt den Geist zu trainieren ist es Dinge bewusst wie ein Zeuge zu beobachten. Übe dich darin zu beobachten ohne Beurteilungen, ohne Worte, einfach nur beobachten. Schau dir z.B. die Gedanken an, die während deiner Yogapraxis auftauchen. Wir müssen diese Gedanken nicht weiter verfolgen, sie nicht beschreiben oder darüber nachdenken wo sie herkommen. Wir können uns bewusst werden, dass es der Verstand ist der einen Gedanken denkt und können diesen Gedanken dann los lassen. Diese Praxis wird uns näher zu buddhi bringen, unserer Intelligenz, die uns erlaubt unser wahres Selbst zu erkennen, reines Bewusstsein.

Die Praxis von pratyahara zeigt uns auf wie viel Einfluss Kultur hat, äußere Umstände, unsere Erfahrungen, unser eigenes Verhalten und unsere Eigenarten und natürlich auch unsere Präferenzen und Abneigungen. Den Blick nach innen zu richten wird uns eine erhabene Vision unseres gesamten Bewusstseins bieten. Das Ego – oder besser: der Erzeuger unseres kleinen Selbst – kann identifiziert und eliminiert werden. So kann buddhi, eine klare und freie Wahrnehmung, sich entfalten. Wie Sharon Gannon und David Life in ihrem Buch „Jivamukti Yoga: Übungen zur Befreiung von Körper und Seele“ schreiben: „Durch pratyahara können wir von einer Fixierung aufs Außen zu Offenbarungen des Inneren gelangen“.
Original im Englischen: Original im Englischen: Ante Schäfer
Co-Direktorin von Jivamukti Yoga München
Übersetzung ins Deutsche: Moritz Ulrich
Peace Yoga Berlin – Jivamukti Yoga School