Jemand, mit dem man reden kann

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Jemand, mit dem man reden kann

Mein Freund Sting, weltbekannter Rockstar, der hunderte Konzerte im Jahr gibt, sagte einmal zu mir: „Ich liefere eine bessere Show ab, wenn jemand, den ich kenne und liebe, im Publikum sitzt. Aber das ist ganz normal, oder?“ Ich denke, er hat recht – es ist normal. Es ist schwierig, mit einem leeren Raum zu kommunizieren oder mit einem Raum voller stirnrunzelnder teilnahmsloser Gesichter. Einige Menschen, die sehr zurückgezogen leben, haben meist keine großen Chancen für persönliche Entwicklung. Andere bestehen darauf, dass sie niemanden brauchen und machen alles so weiter wie sie es eben tun – Nun, was soll man dazu sagen? Vielleicht gibt es Menschen, die gut eine Beziehung zum Nichts oder zum Unpersönlichen aufbauen können.

Für die meisten von uns hängt die Entwicklung unserer Talente, unserer Intelligenz, unserer Emotionen und unseres spirituellen Bewusstseins allerdings davon ab, dass wir andere haben, auf die wir uns beziehen können. Ein Künstler, der auf die Bühne tritt und einem Meer nicht voneinander unterscheidbaren Gesichtern gegenüber steht; oder eine Lehrerin, die einen Raum voller Fremder unterrichtet – beide werden ihr Bestes geben, jemanden zu finden, den sie direkt ansprechen können. Dieser jemand kann in ihrer Vorstellung im Raum sein oder jemand, den sie in ihren Gedanken und Herzen tragen. Es ist schwieriger über eine längere Zeit zu jemandem zu sprechen, den man sich nur vorstellt. Es ist immer besser, eine Person aus Fleisch und Blut vor sich zu haben. Einer meiner engsten Freunde, Shyamdas ein Kirtansänger und spiritueller Lehrer, sagte oft zu mir: „Wenn du in der ersten Reihe sitzt, Sharon, dann kann ich besser singen und unterrichten, weil ich dein Gesicht sehe, das mir direktes Feedback gibt. Weil ich weiß, dass du mich liebst und nicht meine Fehler suchst, bin ich motiviert noch mehr in die Tiefe zu gehen.“ Erfolgreiche KünstlerInnen erzählen häufig davon, dass sie niemals so weit gekommen wären, wenn sie keine Person in ihrem Leben gehabt hätten, von der sie ohne Zweifel wussten, dass sie sie bedingungslos liebte. Große LehreInnen berichten ähnliches davon, wie sie den Drang zu lehren spürten, hervorgerufen durch die bedingungslose Liebe einer SchülerIn, die immer in ihrer Nähe sitze und alles genau hören wolle, was ihre Lehrerin zu berichten hatte.

Gute LehreInnen, ebenso wie KünstlerInnen besitzen großartige Kommunikationskünste. Sie sind in der Lage, sich mit dem Publikum zu verbinden, weil sie MeisterInnen der Kommunikation sind. Jemand, der gut kommunizieren kann, weiß nicht nur gut zu reden, sondern vor allem auch gut zuzuhören, weiß, wie er die Reaktionen der ZuhörerInnen deuten muss und so sein eigenes Tun entsprechend anpassen kann. Ein Meister der Kommunikation ist ein Kanal, der das Wissen einer kosmischen Quelle durch sich strömen lässt. Anders gesagt, die besten Kommunikatoren sind nicht die, die sich selbst in den Vordergrund stellen und von anderen verlangen ihnen zuzuhören, weil ihr Gerede wichtiger als alles andere ist: Eigentlich ist es sogar so, dass sie gar kein Interesse haben, sich selbst darzustellen. Gute Redner sind Diener, die dem Drang nach Glück der Seelen anderer zu Diensten sind. Sie fragen sich immer bevor sie sprechen: „Wie fühlen sich andere, wenn sie meine Worte hören?“ Danach wählen sie ihre Worte mit Bedacht, um die bestmögliche Erfahrung für ihren Zuhörer zu schaffen.

Unsere Zeit ist so wertvoll und wir sollten sie nicht in unschönen Situationen verbringen. Das ist eine einfache Idee, aber manchmal schwer umzusetzen. Wenn du Zuschauer einer Performance oder einer Vorlesung bist und das meiste aus deiner Zeit dort herausholen willst, dann ist es dein Job, als Teil des Publikums, mit höchster Aufmerksamkeit jedem Wort und jeder Note der Lehrerin oder des Künstlers zu folgen. Sei nicht nur passiver Beobachter, der im Zuschauerraum sitzt und darauf wartet unterhalten zu werden. Stattdessen, sei wie ein Puppenspieler, der die Fäden zieht. Wenn du eine bedeutungsvolle Erfahrung machen willst, solltest du aktiv daran teilhaben, dass du sie auch erlebst. Projiziere Liebe und Unterstützung auf die Person auf der Bühne. Sieh sie als vollkommenes, intelligentes und tiefgründiges Wesen. Sei dir bewusst, dass du so viel Macht hast, weil du die Macht der Liebe in deinem Herzen trägst. Es ist die göttliche Macht der Liebe, unsere wahre Natur, die Natur unseres atman, unserer göttlichen Seele.

Alles ist Gott, es gibt nichts außer Gott und alles entsteht aus Gott. Jede Wonne, die wir in unserer materiellen Welt erleben ist eine Reflexion der göttlichen Wonne. Liebe ist das magische Elixier, das die Fähigkeit besitzt, das Lieblichste unseres Herzen ans Licht zu bringen. Gott ist Liebe. Gott ist der einzig wahre Macher. Die Natur Gottes ist gefüllt mit Glückseligkeit. Er fühlt sich zur Liebe hingezogen und durch sie angezogen. Gott liebt diejenigen, die Gott lieben. Er erfreut sich daran, mit seinen bhaktas (die, die Gott lieben und sich ihm hingeben) zu sein, weil seine bhaktas seine Glückseligkeit erkennen. Ihre Anziehung zu ihm kann dafür sorgen, dass seine Glückseligkeit sich immer mehr ausbreitet, heraus aus seinem kosmischen Körper, um sich so mit der Glückseligkeit der Herzen seiner Anhänger zu verschmelzen und in einem vollkommenen mit Glückseligkeit gefüllten Erleben mündet. Mögen sich alle unserer Erfahrungen und Zusammentreffen mit anderen auf magische Art und Weise in mit Glückseligkeit gefüllte Erfahrungen verwandeln – durch die Macht der Liebe, die aus uns heraus in die Welt gezogen wird. Magie ist eine Veränderung unserer Wahrnehmung und wartet in uns allen darauf, entdeckt zu werden.
Original im Englischen: Sharon Gannon
Co – Founder of the Jivamukti Yoga method
Übersetzung ins Deutsche: Moritz Ulrich
Peace Yoga Berlin – Jivamukti Yoga School